„Christus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ (Joh.11,25/26)
Ein Leben für bibeltreue Theologie und Bekenntnisökumene
Ich lernte Werner Neuer in den neunziger Jahren im Rahmen der Arbeit der IKBG (Internationalen Konferenz Bekennender Gemeinschaften), die damals unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Beyerhaus stand, kennen. In den ersten Begegnungen war mir seine herausragende Bedeutung als Theologe nicht bekannt, ich wusste nichts von seinen mehr als 250 theologischen Publikationen. Das sollte sich schnell ändern.
Mit Hochachtung verfolgte ich seinen beruflichen wissenschaftlichen Werdegang, sein Studium der evangelischen Theologie in Heidelberg und Tübingen, seine Promotion 1985 an der Universität Marburg bei Prof. Ratschow über die dogmatischen Grundlagen christlicher Ethik.
Sein Vikariat machte Werner Neuer 1986-88 in zwei württembergischen Gemeinden, 1989 erfolgte die Ordination. Von 1990 bis 1997 war er wissenschaftlicher Assistent am Institut für Missionswissenschaft und Ökumenische Theologie der Universität Tübingen bei Prof. Beyerhaus, anschließend Theologischer Referent der Württembergischen Landeskirche.
Die wissenschaftliche Theologie bestimmte seine berufliche Zukunft. Von 2000 an war er Dozent für Dogmatik, Ethik, Ökumene und Religionskunde am Theologischen Seminar St. Chrischona sowie Gastdozent an der katholischen Gustav-Siewerth-Akademie und an der Staatlich-Unabhängigen Hochschule Basel (STH).
Seit 2010 kannte ich Dr. Werner Neuer als Leiter der Theologischen Kommission der IKBG. Mit dieser Funktion bildete er das Zentrum der theologischen Ausrichtung der IKBG, gerade auch bei den folgenden Ökumenischen Bekenntniskongressen. Mich haben immer wieder bei allen Themen seine Bibeltreue und seine theologisch-wissenschaftliche Grundlegung beeindruckt. Dabei war er weder naiv biblizistisch noch liberal.
Engagement für die Bekenntnisökumene (Einheit der Kirche)
Er lebte für die Theologie und die Kirche. Kirche war für Werner Neuer nicht auf eine Konfession zu begrenzen, er sah die weltweite Katholizität in der Einheit des Christusbekenntnisses weltweit. In seinem Sinne vertritt die IKBG die christuszentrierte trinitarische Bekenntnisökumene.
Von Haus aus war Werner Neuer Lutheraner, aber mit ökumenischer Weite. Da kannte er keine Berührungsängste mit anderen Konfessionen. Die Mitte sollte immer Christus sein. Eine biblisch-reformatorische wie ökumenische Erneuerung von Theologie und Kirche lagen ihm am Herzen.
Es war ihm eine große Ehre, seit 2004 als einziger evangelischer Theologe als ständiger Gast bei den jährlichen Tagungen des Schülerkreises von Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., eingeladen zu sein. Über diesen Kontakt gab es auch regelmäßige Gespräche und Verbindungen mit Kardinal Koch, dem Leiter des Dikasteriums für die Einheit der Christen. So war es ein besonderes Ereignis, Kardinal Koch beim X. Ökumenischen Bekenntniskongress der IKBG 2025 in Hofgeismar als Referenten zum Thema „1700 Jahre Nizänisches Glaubensbekenntnis – Bekenntnis der Einheit“ begrüßen zu können.
Engagement im Lebensschutz
Der Schutz von Umwelt und Natur liegt im allgemeinen Interesse, dort gibt es eine entsprechende Sensibilität. Viel weniger ist im öffentlichen Bewusstsein, dass heute auch der Mensch selbst in seiner Geschöpflichkeit und Gottesebenbildlichkeit großen Gefährdungen ausgesetzt ist.
Werner Neuer machte in der hauptsächlich von ihm konzipierten „Salzburger Erklärung“ darauf aufmerksam, dass durch die weitgehend legalisierte Abtreibung von Millionen Kindern jährlich diesen Kindern ihre Menschenwürde vorenthalten würde. Mit Sorge sah er das Bestreben in der EU, die Abtreibung als Menschenrecht zu fordern. Euthanasie, aktive Sterbehilfe und Suizidbeihilfe fänden weitgehend Akzeptanz, er bezeichnete dies – wie auch Papst Benedikt XVI. – als eine Kultur des Todes.
Auf dem Ökumenischen Bekenntniskongress der IKBG in Salzburg, am 6. September 2015 wurde diese „Salzburger Erklärung“ mit dem Titel: „Die heutige Bedrohung der menschlichen Geschöpflichkeit und ihre Überwindung. Leben nach dem Schöpferwillen Gottes.“ von allen Teilnehmern ohne Gegenstimme angenommen.
Wenn man so will, ist die „Salzburger Erklärung“ das theologische Kind Neuers. In umfassender Weise drückt sich in ihr seine biblisch orientierte Schöpfungstheologie aus, entfaltet sich sein besonderes Engagement für den Lebensschutz. Er betont darin das biblische Schöpfungszeugnis, dass der Mensch als Ebenbild Gottes, als Mann und Frau geschaffen ist, (Gen. 1,26 f.) begründet Ehe und Familie als Keimzelle für Staat und Gesellschaft.
Das menschliche Leben vor der Geburt und an seinem Ende ist im wachsenden Maße bedroht. Als bibeltreuer Theologe beklagte Neuer das mangelnde Engagement der Evangelischen Kirche zum Lebensschutz, das sich Anpassen an den gesellschaftspolitischen Zeitgeist und dass Schrift und Bekenntnis offensichtlich nicht mehr der Maßstab kirchlichen Handelns sind. Umso mehr begrüßte er die biblisch begründete große Gemeinsamkeit der Kirche (magnus consensus) mit der katholischen Kirche in dieser ethisch bedeutsamen Frage.
Genderideologie und Ehe für alle stehen gegen den Schöpferwillen Gottes
Auf Regierungsebene und in der EU wird die natürlich vorgegebene Zweigeschlechtlichkeit des Menschen als Mann und Frau bestritten, das Geschlecht als lediglich soziale und individuelle Konstruktion, über die letztlich jeder Mensch selbst verfügen kann, missdeutet.
Neuer erkennt, dass sich diese Agenda von Gottes Schöpfungsordnungen (Ehe, Familie, Heterosexualität usw.) radikal löst. In der „Salzburger Erklärung“ heißt es dazu: „Das Menschenbild des Genderismus ist völlig unvereinbar mit dem Menschenbild der biblischen Offenbarung und den Ergebnissen unvoreingenommener Naturwissenschaft. Mann und Frau sind ihrer Unterschiedlichkeit gleich-würdige Geschöpfe und Ebenbilder Gottes. Ehe und Familie gehören zu den unüberbietbaren Schöpfungsordnungen Gottes. Die christlichen Kirchen können daher aufgrund ihrer Bekenntnisbindung die soziale, begriffliche und rechtliche Gleichstellung von Ehe und homosexuellen Partnerschaften nicht akzeptieren. Vater- und Mutterschaft sind das Fundament der Familie.“ Werner Neuer sah in den kirchlichen Trauungen für homosexuelle Paare einen klaren Verstoß gegen Gottes Willen, ein Verstoß gegen Schrift und Bekenntnis. Er forderte eine Neubesinnung auf das biblische Schöpfungszeugnis.
Ich bewunderte Werner Neuers Konsequenz im Umgang mit biblischen Texten. Er war ein überzeugter Gegner der Frauenordination aufgrund des Zeugnisses der Schrift. „Jesus hat die 12 Männer zu Aposteln berufen und keine Frau“, betonte er mir gegenüber einmal zum Thema Frauenordination. In der Tat gibt es erst seit den 60er Jahren in der Ev. Kirche die Frauenordination, vielfach ging es weniger um das biblische Zeugnis als um das Thema Gleichberechtigung. Neben der katholischen und orthodoxen Kirche gibt es auch weltweit evangelische Kirchen, die die Frauenordination ablehnen, z. B. die Selbständige Ev.-Luth. Kirche in Deutschland (SELK).
Kirche und Staat sind zu unterscheiden
Mit Leidenschaft wandte sich Werner Neuer gegen das Gottesdienstverbot während der Coronakrise, für das sich die Regierung „zum Schutz der Bürger“ stark machte. Damit schränkte der Staat die Freiheit zum Gottesdienstbesuch ein, und zum Entsetzen Werner Neuers machten große Teile der Evangelischen Kirchen samt Kirchenleitern mit. Noch nie hatte es in der Geschichte ein solches Verbot gegeben. Kaum zu fassen, dass die Kirche sich in ein Boot mit dem Staat setzte. Dazu kam, dass Seelsorger Sterbenskranke nicht begleiten durften, der Zutritt zu Schwerkranken verwehrt wurde. Viele Kranke und Sterbende wurden unmenschlich behandelt. Und was das Übel war, die Kirche mit ihrem Seelsorgeauftrag wehrte sich nicht einmal dagegen. Aber Werner Neuer. Er hielt in seiner Gemeinde dennoch bewusst Gottesdienste. Ganz allgemein prangerte er das fragwürdige Zusammenspiel der Regierung in ethischen Fragen an, das für ihn Ausdruck der Politisierung der Kirche war.
Liebe zur Musik von Johann-Sebastian Bach
Mit großer Begeisterung schilderte er mir von seinen Erlebnissen bei den Bachfesten in Leipzig. Er sah in Bach nicht nur den größten Komponisten, sondern auch den gleichsam 5. Evangelisten, der mit seinen Oratorien, Passionen und Kantaten eindringlich das Evangelium bezeugte. Über jedes seiner Werke schrieb Bach S.D.G., Soli Deo Gloria, allein Gott zur Ehre. „Die beste Predigt über die Bedeutung der Passion Jesu habe ich in der Matthäus-Passion von Bach gehört. Da kommt der beste Kanzelprediger nicht mit“ sagte er mir einmal. In der Tat vermitteln die meisten Kantatentexte einen tiefen Glauben und Jesusliebe. Seine Eindrücke über die Bachfeste in Leipzig übermittelte Neuer auch idea
Einschränkung durch Krankheit
Werner Neuer war ein Mann mit höchster Arbeitsintensität. Am frühen Vormittag war er nicht erreichbar. Er stand später auf. Aber nicht, weil er ein Langschläfer gewesen wäre: Sein Arbeitstag ging bis spät in die Nacht, ja oft sogar bis in die frühen Morgenstunden. In den letzten Jahren schwanden seine Kräfte, er hatte mit diversen Krankheiten zu kämpfen. Vor einigen Jahren – es war unmittelbar vor einem Ökumenischen Bekenntniskongress der IKBG – wurde er durch eine Sepsis lebensbedrohlich krank. Gott sei Dank überlebte er. Vor einigen Wochen teilte er uns auf der Mitgliederversammlung der IKBG mit, dass er das Amt als Leiter der Theologischen Kommission der IKBG aus gesundheitlichen Gründen nicht fortführen könne. Wir ahnten nicht, dass Gott ihn am 4. Advent (21. Dezember 2025) heimrufen würde.
Ein einzigartiger Mensch und Theologe
Werner Neuer war eine besondere Persönlichkeit – mit seiner Ehefrau Rut, die ihm liebevoll und treu zur Seite stand, mit seinen 7 Kindern, als Pfarrer, Dozent und theologischer Lehrer, als Leiter der Theologischen Kommission der IKBG. Er war ein bedeutsamer bibel- und bekenntnistreuer, mutiger Theologe, konservativ ökumenisch, der das Heil in Christus verkündigte.
Ich habe unsern Heimgerufenen immer als einen ausgesprochen liebenswerten, zugewandten und interessierten Menschen kennengelernt. Theologisch empfanden wir uns als Seelenverwandte, die Zusammenarbeit war immer bereichernd und konstruktiv.
Werner Neuer war für die Bekennenden Gemeinschaften, die IKBG, für die Kirche und die Bekenntnisökumene Orientierung, Hilfe und ein großer Segen. Wir danken dem Dreieinen Gott und wissen ihn jetzt geborgen in der Liebe Gottes, die an Weihnachten in Jesus Mensch geworden ist und Heil und ewiges Leben erschlossen hat.
„Gedenkt der Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben.“ (Hebräer 13,7)
„Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“(Hebr.13,8)
Ulrich Rüß