Auszug Artikel 5

Zum Thema:
"Und der Herr erhörte Hiskia…"
- Eine biblisch-archäologische Zusammenschau

von Andreas Späth

„…mit uns aber ist der HERR, unser Gott, dass er uns helfe und führe unsern Streit.“

Was nun folgt ist mehr als ein interessantes Beispiel, wie ein König sich in einer unerfreulichen Lage, die er selbst – offenbar gegen den Rat der Propheten – verursacht hat, verhält. Es hat hohe geistliche Qualität, weil sich nicht wenige Könige ganz anders verhielten. Hiskia wendet sich nun im Unglück nicht von Gott ab. Er wendet sich auch nicht anderen Göttern zu. Er beschimpft nicht die Propheten als Unglücksbringer, wie etwa Ahab es tat , oder lässt gar einen Propheten ermorden wie Jojakim.  Er versucht nicht, die Verantwortung von sich zu schieben, und meidet nicht mit schlechtem Gewissen die Gottesmänner wie Jerobeam I. es getan hatte.  Im Gegenteil. Er sucht die Nähe des prominentesten Gottesmannes seiner Zeit – der einst seinen Vater vor dem Bündnis mit Assyrien gewarnt hatte  und der immer wieder die proägyptische Partei am Hofe Hiskias brüskierte,  wenn auch nicht mit der Schärfe, wie er die Bündnisse mit Assur  und Babylon  kritisierte: Jesaja. Es sei – bevor Jesaja zu seinem Recht kommt – erlaubt einzufügen, dass auch Micha aus Moreschet hart gegen Juda und Israel predigte.  Unter „Jotam, Ahas und Hiskia“ hat er „geschaut“ über „Samaria und Jerusalem“.  Die Korruption der Oberen und des Klerus hat er angeprangert,  das dem-Volk-nach- dem-Munde-Reden, das Rechtfertigen der Sünde  statt des Sünders – so könnte man heute sagen. Die Sünden der Oberschicht verschwieg er nicht und musste mit anderen Propheten manches an Widerstand ertragen. „‘Geifert nicht!‘, so geifern sie. ‚Solches soll man nicht predigen! Wir werden nicht so zuschanden werden!‘“  Doch eines ist bemerkenswert. Der Widerstand gegen die Propheten geht hier nicht vom König aus. Jeremia wird einst nach seiner berühmten Tempelrede  aus bedrängter Lage gerettet. Die Priester und (falschen) Propheten, sowie das Volk zerren ihn ins Tor, um Gericht zu halten. Ihre Forderung ist die Todesstrafe.  Die Oberen jedoch verwenden sich für Jeremia.  Das Volk wechselt die Fronten,  und mit den Oberen des Königs spricht es Jeremia frei.  Als Präzedenzfall schildern einige der Ältesten dem Volk das Verhältnis von Micha und Hiskia: „Zur Zeit Hiskias, des Königs von Juda, war ein Prophet, Micha von Moreschet; der sprach zum ganzen Volk Juda: ‚So spricht der HERR Zebaoth: Zion wird wie ein Acker gepflügt werden, und Jerusalem wird zu Steinhaufen werden und der Berg des Tempels zu einer Höhe wilden Gestrüpps.‘ Ließ ihn denn Hiskia, der König von Juda, und das ganze Juda deswegen töten? Fürchtete er nicht vielmehr den HERRN und flehte zu ihm?“  Genau an diesem Punkt stehen wir. Hiskia lässt die Propheten nicht töten. Er zieht die Gewänder der Buße an  und sucht ihre Nähe. Während Hiskia sich direkt in den Tempel begibt, um selbst vor den Herrn zu treten, schickt er, wie gesagt, die Oberen seines Hofes und die Ältesten der Priester – glaubt man den Propheten, dann aus gutem Grund im Büßergewand – zu Jesaja,  um Fürbitte  zu erflehen.

Die Botschaft des Königs an Jesaja ist eine demütige Schilderung der Lage mit einem drastischen Bild der Verzweiflung, einem Bild, das Leben verheißt und doch den Tod bringt: „Das ist ein Tag der Not, der Strafe und der Schmach - wie wenn Kinder eben geboren werden sollen, aber die Kraft fehlt, sie zu gebären.“  So lässt König Hiskia vorsichtig fragen, ob nicht sein – Jesajas  – Gott die Worte der Lästerung des Rabschake gehört habe, ob nicht der lebendige Gott  strafend eingreifen will?  Das kann Gott sich doch nicht so sagen lassen? So kann das doch nicht stehenbleiben. Bete  zu deinem Gott, lässt Hiskia ausrichten, für die Übriggebliebenen  in Jerusalem.

Die Abgesandten Hiskias erhalten tatsächlich eine tröstende Antwort. Er soll sich nicht vor den Lästerworten der Abgesandten Sanheribs fürchten, lässt Jesaja als Wort des Herrn ausrichten.  Einen Geist will Gott über ihn bringen, eine Offenheit für ein Gerücht, das er hören und dem er folgen wird, ein Gerücht, dass ihn veranlassen wird. schnell in sein Land zurückzukehren.  Dort soll er durch das Schwert umkommen.

Während man in Jerusalem die Nähe des Herrn und den Mund seines Propheten sucht, zieht es auch die Boten des Königs von Assyrien in die Nähe ihres Herrn. Der war inzwischen von Lachisch nach Libna gezogen.  Nun hatte er vernommen, dass Tirhaka  „der König von Kusch“  auf dem Weg sei, seine Bündnisverpflichtung zu erfüllen und das assyrische Heer anzugreifen.  Offenbar vereinigte er seine Armeen nun wieder, um es mit Tirhaka aufnehmen zu können.  Es handelt sich bei Tirhaka um den späteren Pharao Taharka.  Zur Zeit der Schlacht mit den Assyrern ist er nur ein (wenig ruhmreicher) Feldherr.  König ist zu dieser Zeit sein Bruder Schabataka (Schebitku).  Dieser hatte gleich nach der Machtübernahme nach dem Tode seines Onkels Schabaka ihn und weitere Brüder aus Nubien nach Theben befohlen.  Begleitet wurden sie von ihren Truppen.   König wurde Tirhaka erst 690 v. Chr.  Auffallend ist hier allerdings, dass er nicht als König von Ägypten, sondern als König von Kusch tituliert wird. In der Tat kommt seine Dynastie aus Kusch, dem heutigen Sudan. Die Kuschiten / Nubier, hatten langfristig unter ägyptischer Verwaltung gestanden und waren dadurch kulturell sowie religiös zwischenzeitlich stark ägyptisiert. In den Wirren der Dritten Zwischenzeit hatte sich eine kuschitische Familie zur 25. Dynastie aufgeschwungen und in weiten Teilen Ägyptens die Herrschaft übernommen. Nubien war lange Zeit unter ägyptischer Kontrolle, und die leitenden Beamten, die „Aufseher der südlichen Länder“, führten von der 18. – 20. Dynastie den Titel eines Vizekönigs bzw. Königssohnes von Kusch.  In der 21. Dynastie trägt die Tochter von Pharao Smendes den Titel.  Insofern wäre die Titulatur erklärbar. Allerdings war der Titel unter den kuschitischen Pharaonen der 25. Dynastie – derer Taharka / Tirhaka der fünfte werden sollte – obsolet und längst abgeschafft. Die kuschitischen Pharaonen herrschen teilweise sogar von Kusch aus gleichzeitig als Könige von Ägypten und als Könige von Kusch.

Die nicht selten zu hörende Behauptung, es handle sich hier bei der Benennung Tirhakas als König von Kusch um einen Anachronismus, ist wenig überzeugend. Die historische Präzision der Königs- und Prophetenbücher ist so verblüffend und die Verbindung in dieser Zeit zu Ägypten so eng, dass ein solcher Fehler äußerst unwahrscheinlich ist. Der große Experte der Ägyptologie für die Dritte Zwischenzeit, Kenneth Kitchen, schlägt eine plausible Lösung für das Problem vor. Kitchen sagt, man solle die Geschichte gründlich lesen. Bis zum Ende – und zwar zum Ende von Sanherib.  Mehrfach wird in der Bibel der Tod Sanheribs beschrieben  – wozu wir im Detail später kommen. Hier nur so viel: Sanherib stirbt 681 v.Chr.  Die Schreiber haben ihre Texte also – so Kitchen – erst nach 681 v. Chr. fertiggestellt. Zu dieser Zeit war Tirhaka schon seit neun Jahren König von Ägypten und Kusch.  Es fällt allerdings, wie schon bemerkt, auf, dass Tirhaka nicht als König von Ägypten tituliert wird, sondern als König von Kusch. Dieser Titel ist eindeutig und unumstritten. Es gibt nur einen König von Kusch: Tirhaka. In Ägypten herrschen jedoch in den Wirren der Dritten Zwischenzeit immer wieder in verschiedenen Landesteilen verschiedene Dynastien teilweise parallel. So auch hier. Während Tirhaka eindeutig Alleinherrscher von Kusch ist, ist er in Ägypten nur einer von mehreren Königen. Zwar wurde er in Memphis gekrönt und beherrschte mit Memphis und Theben weite Teile Unterägyptens und Oberägypten, und doch herrschten parallel zu seiner Regierungszeit von 690 – 664 v. Chr. in Sais Mitglieder der Proto-Saitischen Dynastie, nämlich von 695-688 v. Chr. Stephinates, von 688-672 v. Chr. Nekauba und von 672-664 v. Chr. Necho I.

Natürlich war Ägypten bedeutender und der Verbündete Judas. Doch die 25. Dynastie kam nun einmal ursprünglich aus Kusch, stellte nach wie vor die Herrscher von Kusch, und sein Bruder und Vorgänger hatte ihn und seine Armee gleich nach seinem Herrschaftsantritt 702 v. Chr. direkt aus Kusch nach Ägypten befohlen,   um dem gerade 20/21-Jährigen 701 den Marschbefehl gegen Sanherib zu geben.  Die uns vielleicht eigenwillig erscheinende Bezeichnung Tirhakas als König von Kusch ist also passend und  nicht singulär.  Auch Jesajas Prophezeiungen gegen die umliegenden Länder nennen Ägypten und Kusch in einem Atemzug.

Doch das Scharmützel mit Tirhaka lenkte Sanherib nicht von seinem eigentlichen Ziel ab. Ein weiteres Mal schickt er Boten zu Hiskia.  Diesmal überbringen sie zu der mündlichen Botschaft einen Brief.  Insgesamt gibt es darin nicht viel Neues. Die Botschaft richtet sich nicht mehr an das Volk, sondern nur an Hiskia. Nicht mehr das Volk soll sich nun von Hiskia und seinem Glauben an Gott betrügen lassen, sondern Hiskia wird aufgefordert: „Lass dich von deinem Gott nicht betrügen, auf den du dich verlässt und sprichst: Jerusalem wird nicht in die Hand des Königs von Assyrien gegeben werden.“  In der Aufzählung der besiegten Völker, deren Götter nicht zu schützen vermochten, wird nun wenig subtil verdeutlicht, was widerspenstigen Königen blüht. „Wo ist der König von Hamat, der König von Arpad und der König der Stadt Sefarwajim, von Hena und Awa?“  Nachdem dem Volk noch Zuckerbrot und Peitsche vorgelegt wurden, erhält Hiskia nur noch die Peitsche. Vom Vollstrecken des Bannes,  dem Hinschlachten der Besiegten, wird nun gesprochen.

Der Brief, den Hiskia empfing, dürfte nach assyrischer Sitte eine Tontafel gewesen sein. Dabei wurden die Buchstaben mit einem Holzstab in den weichen Ton gedrückt. Die Tafel trocknete dann und wurde anschließend mit einer Lage feuchtem Ton ummantelt – ein Briefumschlag sozusagen - und  mit einem (Roll)siegel gegen unberechtigte Öffnung geschützt. Man hat zahlreiche Archive mit den Korrespondenzen verschiedener Könige und Fürsten gefunden, die so im diplomatischen Austausch miteinander standen.  Hiskia indes verwendete offenbar auch Papyrus – ein ägyptisches Importprodukt.  
Als Hiskia den Brief gelesen hatte, hielt es ihn nicht im Palast. Auf direktem Weg ging er in das Haus des Herrn, um den Brief im Tempel vor Gott selbst auszubreiten (aufzuklappen, auszurollen, vorzulegen).  Er brachte alles haarklein vor Gott.

Sein Gebet beginnt er mit einer Anbetung, die Gottes Größe und Ruhm in den Mittelpunkt stellt.  Dann lenkt er Gottes Blick und Ohr auf den Lästerer Sanherib.  Seine Taten lässt er dabei stehen. Ja es stimmt: Die anderen Völker hat er unterworfen, ihnen Grauenvolles angetan  und ihre Götzen ins Feuer geworfen.  Das konnte er aber nur tun, weil diese Götzen nicht echte Götter, sondern Werk menschlicher Hände waren.  Du aber, sagt er zu Gott, du aber bist doch echt; der wahre Gott. Nun errette uns, damit alle Welt sehen kann, „dass Du, Herr, allein Gott bist.“

Interessant ist nun die Antwort Gottes auf Hiskias Gebet, die dieser durch den Propheten Jesaja erhält. Das Urteil ist kurz und knapp: „So spricht der HERR, der Gott Israels: Was du zu mir gebetet hast um Sanheribs willen, des Königs von Assyrien, das habe ich gehört.“  Die Urteilsbegründung indes ist ein Gerichtswort an Sanherib, die aber dem Hiskia in seiner Not als Trostbotschaft übermittelt wird: „Das ist's, was der HERR gegen ihn geredet hat“.  Nach der Feststellung, dass Sanherib in Jerusalem nichts erreichen wird,  zählt Gott die Sünden des Assyrers auf. Sanherib hat den Heiligen Israels gelästert, sich gegen ihn erhoben, ihn durch seine Boten verhöhnen lassen.

Jetzt erfahren wir Auszüge aus dem Schreiben Sanheribs. Gott wirft ihm seine Großspurigkeit vor, indem er ihn mit seinen eigenen Worten überführt. Du, Sanherib hast geprahlt: „Ich bin mit der Menge meiner Wagen auf die Höhen der Berge gestiegen, in den innersten Libanon. Ich habe seine hohen Zedern und auserlesenen Zypressen abgehauen und bin gekommen bis zur äußersten Herberge darin im dichtesten Walde. Ich habe gegraben und getrunken die fremden Wasser und werde austrocknen mit meinen Fußsohlen alle Flüsse Ägyptens.“
Diese wenigen großspurigen Worte sind ein bemerkenswertes Detail. Gott zitiert durch den Propheten Sanherib. Und in der Tat. Vergleicht man die von Jesaja zitierten Worte mit den Annalen Sanheribs, so sind Inhaltund  Stil  identisch. Ja, mehr noch. In den Annalen, die Sanherib ja erst später verfassen liesß finden sich ähnliche Formulierungen, in denen das schwierige, aber erfolgreiche Erklimmen höchster Berge und das Nutzen fremden Wassers immer wieder eine Rolle spielen. Nur ein Beispiel von vielen:

Annalen des Chicago-Prisma, Col. I, 68-70: „In der Mitte der hohen Berge, wo das Gelände schwierig war, ritt ich auf dem Rücken des Pferdes und habe meinen Streitwagen mit Seilen hochgezogen.“
Jesaja nach 2. Könige 19,23: „Du hast […] gesagt: Ich bin mit der Menge meiner Wagen auf die Höhen der Berge gestiegen, in den innersten Libanon.“

Nun gibt sich Gott als der Weltenlenker zu erkennen, der die Siege Sanheribs zugelassen hat,  ihn aber nun wegen seines Übermutes strafen und demütigen wird: „So will ich dir meinen Ring in deine Nase legen und meinen Zaum in dein Maul und will dich den Weg wieder zurückführen, den du hergekommen bist.“  Der, der sich König des Universums  nennt, wird von Gott als Geschöpf ‚entlarvt‘  und in eine Lage versetzt, die ihn auf den Weg zurück zwingen wird, wie einen wilden Stier, den man leicht am Nasenring führen kann.

Hiskia aber bekommt ein Zeichen und Trostwort. Er soll zunächst zwei Jahre lang nur ernten, was von selbst nachwächst.  Im dritten Jahr soll er das Land wieder bestellen lassen.

„Und was vom Hause Juda errettet und übrig geblieben ist, wird von neuem nach unten Wurzeln schlagen und oben Frucht tragen. Denn von Jerusalem werden ausgehen, die übrig geblieben sind, und die Erretteten vom Berge Zion. Der Eifer des HERRN Zebaoth wird solches tun.“

Inzwischen hatte sich das Heer Sanheribs offenbar um Jerusalem gesammelt. Doch der Angriff blieb aus – zunächst. Doch als er stattfand, kam er von unerwarteter Seite…

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