Auszug Artikel 4

Zum Thema:
„Heilsame Lehre“


von Dr. Werner Neuer

In den sogenannten Pastoralbriefen, also dem 1. und 2. Timotheusbrief sowie dem Titusbrief, wird die christliche Lehre mehrfach als >heilsame< oder (wie man auch übersetzen kann) >gesunde< Lehre bezeichnet: Paulus mahnt Titus, es solle seine Verkündigung >nach der heilsamen Lehre< ausrichten (Titus 2,1). Im gleichen Brief verpflichtet er jeden >Bischof< (d.h. den örtlichen Gemeindeleiter) dazu, die Gemeindeglieder >zu ermahnen mit der heilsamen Lehre< (1,9). Denn die >heilsame Lehre< – so Paulus im 1. Timotheusbrief – ist der Maßstab, den dem sich Gehorsam und Ungehorsam, Gottlosigkeit und Sünde entscheiden (1,9-11). Der Apostel kündigt im 2. Timotheusbrief  eine Zeit an, in der die Menschen >die heilsame Lehre nicht ertragen werden<, sondern >nach ihren eigenen Gelüsten sich selbst Lehrer aufladen< werden, >nach denen ihnen die Ohren jucken< (2. Tim. 4,3). Die heilsame Lehre, welche Timotheus und Titus weitergeben sollen, soll sich inhaltlich an >den heilsamen Worten unseres Herrn Jesus Christus< (1. Tim.6,3) und am >Vorbild der heilsamen Worte< orientieren, die Paulus seinen Schülern anvertraut hat (2. Tim. 1,13; vgl. 3,14).

Die christliche Lehre ist also den Pastoralbriefen zufolge durch ein Zweifaches gekennzeichnet: Sie ist erstens eine >heilsame< Wahrheit, und sie richtet sich zweitens an der Lehre Jesu und der Apostel aus. Es ist unschwer zu erkennen, dass beide Feststellungen in innerem Zusammenhang stehen: Die christliche Lehre ist deswegen eine >heilsame< Wahrheit, weil die von Jesus und den Aposteln bezeugte Wahrheit eine heilsame ist.

Es ist auffällig, dass Paulus die christliche Lehre nicht – wie wir dies vielleicht tun würden als >richtige<, >recht< oder >wahr< kennzeichnet, obwohl eine solche Bezeichnung zweifellos angemessen wäre. Auch den in der Christenheit immer wieder verwendeten Begriff >reine Lehre< sucht man bei Paulus (und im übrigen Neuen Testament!) vergebens. Stattdessen findet sich die eigentümliche Bezeichnung  >heilsam<. Offenbar ist es dem Apostel wichtig, nicht nur die objektive Wahrheit der christlichen Lehre (im Sinne gedanklicher Richtigkeit) zu betonen, sondern auch und vornehmlich deren heilsame Wirkung deutlich zu machen. Dahinter steht die Einsicht, dass Gott uns Menschen durch die Botschaft des Evangeliums nicht in erster Linie belehren, sondern begnaden will. Um es mit den Worten des Paulus zu sagen: Weil >die heilsame Gnade Gottes allen Menschen< in Jesus erschienen ist (Tit. 2,11), ist die Botschaft von Jesus eine >heilsame Botschaft<. Sie unterrichtet uns nicht nur über objektive göttliche Wahrheiten, die wir akzeptieren müssen, sondern bringt uns das Heil und stellt unser Leben auf eine völlig neue, in jeder Hinsicht heilsame Grundlage. Weil die christliche Botschaft uns nicht nur Erleuchtung für unsere verirrten Gedanken, sondern (noch mehr!) Gnade und Heil für unser zeitliches und ewiges Leben schenken will, handelt es sich bei ihr um eine >heilsame< Botschaft und Lehre.

Dass Paulus mit dem Begriff >heilsam< die Wirkung der christlichen Wahrheit bezeichnen will, ergibt sich schon aus dem im griechischen Urtext gebrauchten Begriff hygiaino: Bereits die Griechen haben ihn dazu benutzt, um das geistige Gesundsein bzw. die Gesundheit der Seele als Grundlage des sittlichen Verhaltens zu kennzeichnen. Die Pastoralbriefe aber machen vollends deutlich, dass dieser Begriff auf die Wirkung der Lehre zielt. Paulus gibt an mehreren Stellen zu verstehen, dass die christliche Botschaft eine heilsame Wirkung auf die Menschen hat, während die Irrlehren eine >krank< machende und zerstörerische Wirkung ausüben: die nur scheinbar christlichen und deshalb falschen Lehren, die als >neue< Lehren (2. Tim 3,7) >anders lehren< (1. Tim 6,3) als Jesus und die Apostel,, sind mit einem um sich fressenden Krebsgeschwür zu vergleichen (2. Tim 2,17) und bewirken die >Seuche der Fragen und Wortgefechte<, >Neid, Hader, Lästerung, bösen Argwohn, Schulgezänkt< (1. Tim 6,3-5), sie führen >zu ungöttlichem Wesen< (2. Tim 2,19) und verlieren jene >Kraft< die ein wahres Glaubensleben kennzeichnet (2. Tim 3,5; Tit 1,16). Die rechte, heilsame Lehre dagegen bewirkt >Liebe aus reinem Herzen<, ein >gutes Gewissen<, >ungefärbten Glauben< (1, Tim 5,5,), >Zurechtweisung<, >Besserung< und >Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten werk geschickt> (2. Tim 3,16). All diese Stellen zeigen: Für Paulus erweist sich rechte Lehre nicht nur darin, dass sie inhaltlich mit der von Jesus und den Aposteln gelehrten Wahrheit übereinstimmt, sondern auch darin, dass sie sich >heilsam< auswirkt und bei den Empfängern positive geistliche Früchte der Heiligung hervorbringt. Falsche Lehre dagegen ist stets krankmachende und zerstörerische Lehre, die weder echte geistliche Frucht noch wirklich sittliches Leben bewirkt.
Was können wir im Hinblick auf unsere heutige Situation daraus lernen? Zunächst einmal haben wir festzuhalten: Nach biblischem Verständnis gehören Lehre und Leben, Wahrheit und Liebe, Orthodoxie (richtige Lehre) und Orthopraxis (richtiges Verhalten) zusammen. Das Engagement bekennender Christen für Bibel und Bekenntnis darf sich daher nie darauf beschränken, dass der falschen Lehre im Raum der Kirche gewehrt wird, sondern muss ebenso nachdrücklich und lebendiges geistliches Leben, entschiedene Jesusnachfolge, glaubwürdigen Verhalten und jene hingebende Liebe zielen, die >zu allem guten Werk< bereit ist. Ein solches Engagement schließt stets die selbstkritische Frage ein, ob und inwieweit unter bekennenden Christen die heilsamen Auswirkungen des Evangeliums spürbar sind. Allzu leicht kann aus dem notwendigen Kampf für die biblische Wahrheit ein liebloser Eifer werden, der zu >nichts nütze< ist (1. Kor 13,3), weil der die >Liebe aus reinem Herzen< verloren hat, die doch die >Hauptsumme aller Unterweisung< ist (1. Tim 1,5). Die rechte Lehre hört auf, >heilsam< zu sein, wenn sie sich von der Liebe löst! Liebloser Eifer für die Wahrheit wird die Herzen der Menschen nicht für die Wahrheit öffnen, sondern verschließen und die Macht der Lüge und des Irrtums vergrößern. Es war daher biblisch wohlbegründet, dass der Vater des Pietismus, Philipp Jacob Spener, in seiner Programmschrift >Pia Desiderisa< die Gläubigen ermahnte, den Kampf gegen >Unglauben und Irrglauben< mit der >Übung herzlicher Liebe< gegen >alle Ungläubigen und Irrenden< zu verbinden.
 Es liegt auf der Hand, dass die biblische Zusammenfassung von Wahrheit und Liebe, Glaubenslehre und Glaubenspraxis auch ernste Anfragen an Struktur und Inhalt unserer Theologenausbildung enthält. Auch wenn wir uns hier vor vorschnellen und vereinfachten Patentrezepten hüten müssen, wird man die Feststellung nicht umgehen können, dass die weitgehende Isolierung des akademischen Studienbetriebes von geistlichem Leben, Gottesdienst und kirchlicher Praxis gewiss nicht dem neutestamentlichen Leitbild entspricht. Dach auch abgesehen von der grundsätzlichen Frage nach der angemessenen institutionellen Gestaltung des Theologiestudiums ist der Kampf des Apostels Paulus um die >heilsame Lehre< von weitreichender Bedeutung für die gegenwärtige Theologenausbildung: Keiner, der in Lehre und Forschung tätig ist, wird sich der Frage entziehen könne, ob er wirklich >gesunde< Lehre weitergibt, die >zum Werk des Dienstes< rüstet und den >Leib Christi erbaut< (Eph 4,12). Es wäre freilich verfehlt, die Verantwortung für das Gelingen der Theologenausbildung allein bei den akademischen Lehrern zu suchen: Dass die theologischen Ausbildungsstätten nicht nur Orte ernsthafter wissenschaftlicher Arbeit, sondern auch – um noch einmal Speners >Pia Desideria< zu zitieren - >rechte Pflanzgärten der Kirche< und >Werkstätten des Heiligen Geistes< sein sollen, ist eine Herausforderung an die Kirche als Ganzes. Hier sind die Gemeinden ebenso gefordert wie die theologischen Lehrer, die Studenten und die Kirchenleitung. Die glaubende Gemeinde ist mitverantwortlich für Lehre und Bekenntnis der Kirche, denn sie hat alle Lehre zu prüfen (1. Thess 5,21; 1. Joh 4,1) und für die Hirten und Lehrer der Kirche zu beten. Jesus hat die Zukunft seiner Kirche den Betern anbefohlen (Matth 9,38) und dem beharrlichen gebet eine große Verheißung gegeben (Matth 7,7f). Lasst uns deshalb verstärkt beten für die theologischen Lehrer, die Studenten und die Kirchenleitung. Denn >des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist> (Jak 5,16).

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