Auszug Artikel 3

Zum Thema:
Bekenntnis und Magnus Consensus: Das Erbe der Reformation für eine Ökumene der Bekenntnisse heute

von Harald Seubert

I. Ein evangelisches Bekenntnis

Bekenntnis, lat. Confessio, gr. Homologia, bedeutet nicht Übereinstimmung mit den Worten Jesu Christi und dem Glauben seiner Kirche und Gemeinde.  Nirgends kommen „fides qua creditur“ (der Glaube, mit dem geglaubt wird)  und „fides quae creditur“ (der Glaube, der geglaubt wird) so zusammen wie in den Fragen des Bekenntnisses. Man darf nicht übersehen: Bekenntnisse sind nicht nur ausgeführte Satzsysteme. Es sind Vollzüge. Gegenbegriff und Komplementärvollzug zum Bekenntnis ist immer das Verleugnen, das beides gehört zusammen. Man denke an Petrus, der gleichermaßen bekannte und in entscheidender Stunde doch verleugnete: „Ich kenne den Menschen nicht“ (Mt 26, 72). Die Haltung eines Ausweichens vor dem Status confessionis in die Lichter und Irrlichter der Zeit ist indes auch ein Momentum, das permanente Anfechtung christlichen Glaubens ist.

Das Bekenntnis zu Jesus dem Herrn ist Gabe und Zeichen des Glaubens. Seine Worte hören, ihnen gemäß auch handeln und tun. Es geht im Bekenntnis um dieses Tun – oder Nichttun, damit aber um das Verhältnis von Gott und Mensch, die Bindung an Jesus Christus selbst.
Was im Bekenntnis in Rede steht, ist elementare Lehre des rechten Glaubens, Evangelium „in a nutshell“ auf die Wirksamkeit des dreieinigen Gottes hin, im Einzelnen und im gemeinsamen Vollzug des Bekennens und des Bekenntnisses. Die altkirchlichen Bekenntnisse bleiben insofern für jede verantwortliche „Reformatio“ der Kirche verbindlich. Sie sind in unterschiedliche Bekenntnissituationen hineinzusprechen und in ihnen fruchtbar zu machen. Doch Anpassung kann dies gerade nicht sein. Friedrich Mildenberger, mein anderer, kontroverser theologischer Lehrer sagte es so: „Und in solcher Predigt hat sich die Formel (eines jew. Symbolon) dann erst recht darin zu bewähren, dass sie die Schrift aufschließt und als Evangelium hören lässt. Bewährt sich das verstandene Bekenntnis in diesem Vollzug, dann erst ist eine solche Formel […] im Recht. Dann vermag sie zu einer Aneignung des Wortes, zu neuem Hören zu führen“.

Zugleich ist der eigene christliche Glaube durch das Bekenntnis mit der ganzen Christenheit auf Erden verbunden.

Das Bekenntnis stellt sich in die Kontinuität der Heilsgeschichte, in die Katholizität und Universalität, und damit in die apostolische Sukzession, die auf Christus begründet ist.

Daher kann das Bekenntnis nicht Privatsache sein, wie in manchen Freikirchen und Sonderdenominationen nahegelegt. Aus solchen Sonderwegen wird mittelfristig nur Spaltung hervorgehen, die auf Sand gebaut ist.

 

II. Magnus Consensus

1.    Grundlagen
Das Bekenntnis begründet aber seinerseits den „Magnus Consensus“, den Joseph Ratzinger als den artikulierten Glauben der Kirche des ersten Jahrtausends definiert hat.

Der Große Konsens der Kirche ist nach christlichem Glauben durch den Heiligen Geist gewirkt worden. Deshalb ist er nicht nur objektiv, er gehört in die göttliche Weisung selbst hinein. Er ist, im Sinn eines Wortes von Thukydides, das Aristoteles in die ‚Metaphysik‘ aufnahm, ‚KTEMA EIS AEI‘, ein „Besitz für alle Zeit.“ Der Konsens ist nicht Ergebnis eines Kompromisses, auch nicht von Diskursregeln (wie dies Jürgen Habermas in seiner Diskursethik dekretiert), und schon gar nicht der jeweiligen herrschenden Meinungen und der Schweigespiralen, deren sie sich bedient. Auch hier ist ethische Deformation nur das Indiz eines Abfalls von der aus Christus sich reformierenden Kirche.

Daher beginnt mit dem (oder den?LB) Frommen von heute nicht die Kirche. Sie steht in diesem Großen Konsens, in einem umfassenden Traditionsprinzip, das sich entfaltet, aber nicht verwässert werden darf.

Das Neue Testament, insbesondere die Apostelgeschichte, spricht bereits eindrücklich von diesem Konsens, einer mitunter schwer erworbenen Einmütigkeit (homothymadon), die sich etwa in dem großen Apostelkonzil (Apg 15, 25), oftmals erst nach Aufruhr, nach heftiger Debatte, einstellte. Es geht dabei um den Status einer Gemeinschaft in und aus Christus, die letztlich nur durch das Wirken des Heiligen Geistes zustande gekommen ist.

Wenn man diesen Magnus Consensus im Geist seiner biblischen Bezeugung zu fassen sucht, sind daher die folgenden Elemente zentral:

1. Er ist von Jesus Christus her in der Schrift erzeugt und bezeugt: „Vielmehr glauben wir durch die Gnade des Herrn Jesus selig zu werden, ebenso wie auch sie“ (Apg 15, 11).

2. Übereinstimmung mit den Worten der Propheten, dem gesamten Zeugnis der Schrift ist für den Konsens unerlässlich.

3. Vom Heiligen Geist ist er gewirkt und bis an das Ende der Zeiten tragend. „Denn es gefällt dem heiligen Geist und uns“ (Apg. 15, 28), wobei hier die Nähe des Synodalen, des Zusammentretens der Synode zum Gottesdienst in jeder Bedeutung des Wortes das zentrale Kriterium ist.
Daraus erst geht eine Brüderlichkeit und Verbindlichkeit hervor, die die Gemeinde Jesu Christi strukturieren soll. „Wir aber, die wir stark sind, sollen das Unvermögen der Schwachen tragen und nicht Gefallen an uns selber haben“ (Röm 15, 1).

2. Geschichte
Beim Augsburger Reichstag wurde die Übereinstimmung der reformatorischen Lehre mit dem Magnus Consensus besonders betont: „Erstlich wird einträglich gelehrt und gehalten“, dekretiert der erste Artikel der Augsburger Konfession (CA). Verwiesen ist damit unter anderem auf die Übereinstimmung mit dem Konzil von Nizäa, 325, dem Bekenntnis zur Einheit des göttlichen Wesens in drei Personen, das seit 380 durch Valentinian II. und Theodosios auch staatskirchenrechtlich verankert und sanktioniert wird. Ein solcher Konsens ist nach klarer reformatorischer Überzeugung nicht durch Mehrheitsentscheide herbeizuführen oder zu kippen, wenn dies auch bei Reichstagen vorkam und immer wieder in den Machtkalkülen eine Rolle spielte. Die kirchliche Autorität gründet sich dagegen nicht in Macht und Gewalt, sondern allein im Wort: „sine vi humana, sed verbo“.  Das ist im Sinn des Großen Konsenses das Kriterium für jede Kirchenleitung, die begründete Autorität beanspruchen möchte: nicht administratives Handeln, nicht die subtilen Machtausübungen durch Gedeihlichkeitskriterien oder ähnliches.

Kriterien sind daher innerhalb der Kirche verheißenes Heil -  oder drohendeVerwerfung; nicht aber äußere Einheit und Übereinstimmung und schon gar nicht Fortschritt oder Rückschritt oder politische Zielbindungen an eine neue Zivilreligion.  Nicht also jene Pseudokriterien, die man heute als „Gedeihlichkeit“ oder eben als „Ungedeihlichkeit“ bezeichnen würde. Dabei wusste auch die Reformation, wie später die Bekennende Kirche, wie auch wir es heute in der Struktur wissen sollten: dass andere oftmals nicht mit dem Magnus Consensus übereinstimmende Kräfte doch behaupten, Kirche zu sein, und daraus der Dogmenkonflikt und die Nötigung zur Scheidung der Geister hervorgeht.

Deshalb wird der Magnus Consensus Voraussetzung dafür, dass die Einheit der Kirche nur aus der Wahrheit hervorgehend begründet werden kann, nicht umgekehrt. Dies muss auch eine Ökumene der Bekenntnisse auf jedem ihrer Schritte wissen. Melanchthon, in seinem ‚Tractatus de potestate papae’ hat das Leiden an der Trennung formuliert: „Schwer ist es, dass man von so viel Landen und Leuten sich trennen und ein sondere Lehr führen will. Aber hie stehet Gottes Befehl, dass jedermann sich sollt hüten und nicht mit denen einhellig sein, so unrechte Lehre führen oder mit Wüterei zu erhalten gedenken“.  Aufgrund dieser schmerzlichen Einsicht in die Schwäche der westlichen Kirche wandte sich Melanchthon der griechischen Orthodoxie zu.

Einheit in der Wahrheit  ist der repetitus et perpetuus consensus (die wiederholte und fortlaufende Übereinstimmung), Rückkehr zu ihm in der ‚Re-formatio‘, um den Deformationen zu entgehen. Dabei ist der ‚Magnus Consensus‘ keineswegs nur formal, sondern auch material und inhaltlich bestimmt: Er umfasst Altes und Neues Testament, die altkirchlichen Symbole, Confessio Augustana und Apologia. So hat es Melanchthon als materialen Bestand autoritativer Texte definiert.

Wer selbst den Magnus Consensus bricht, sich aber als Vertreter wahrer Kirche weiter ausgibt, der muss früher oder später die Kommunikation abbrechen. Heike Schmoll sprach schon 1995 von der „protestantischen Verdrängung“. „Die wachsende geistige Uniformität der Kirchenmitglieder selbst hat zur Folge, dass Kirchenleitungen wie Pfarrer kritischen Äußerungen gegenüber immer empfindlicher werden; sie versuchen auszuweichen oder sie zu unterbinden.“  Eine Steigerung erleben wir postmodern konstruktivistisch in der Erhebung des kreativen Bruches des Magnus Consensus zum neuen Konsens der Theologie.

 

Die reformatorische Erneuerung, die in einer vielfach weltweit und im eigenen Land angefochtenen Kirche und Gemeinde gefordert ist, kann und darf aber nur aus der Bindung an Gottes Wort und seinen Geist erwartet werden. Peter Brunner hat dies schon vor vielen Jahrzehnten klar benannt: „Wo die Autorität der Schrift verlorengeht, tritt an die Stelle der Confessio der Kirche die Hairesis [Häresie; Irrlehre] der Schule“. Und: „in dem Maße als die Kirche die konkrete Autorität der heiligen Schrift verliert, verliert sie auch einen verbindlichen Consensus im Blick auf den Inhalt der Evangeliumsverkündigung“.

Ich fasse damit die Überlegungen zum ‚Magnus Consensus‘ zusammen:

1. Er konzentriert sich auf eine symphonische Wahrheit, wie der große Basler katholische Theologe Hans Urs von Balthasar gesagt hätte.
Dies bedeutet weiterhin,

2. dass in Schrift und Bekenntnis – und diesem großen Konsens die Vollmacht des geistlichen Amtes begründet ist. Hier hat es seine Autorität, aber auch seine Begrenzung, die es von politischen Mandaten unterscheidet.

3. Hier liegen aber auch die Grenzen von Synodenbeschlüssen. Johann Gerhard hat dies in den Loci Theologici, Locus 25, bereits so formuliert: „Die Norm der Wahrheit in den Glaubensartikeln ist nicht ein Konsens der Kirche, sondern die Entscheidung der heiligen Schrift, daher ist auch über einen Konsens der Kirche aus der heiligen Schrift zu urteilen, aus der allein unbedingt geltende Argumente hergeleitet werden“.

Vor diesem Hintergrund ist nur noch darauf zu verweisen, dass die Confessio Augustana (CA) in den Artikeln 1-21 die verbindlichen Artikel des Glaubens und der Kirche enthält. Die trennenden Artikel werden dann in 22-28 behandelt, auf der Basis und vor der Leuchtkraft eben dieses großen Konsensus. Abendmahl unter einer Gestalt, Pflichtzölibat für Priester, Messe als Opfer, Missstände der Beichtpraxis, Fastenordnung und Mönchische Gelübde, aber auch die bischöfliche Gewalt als eine Mischung aus göttlicher und menschlicher Gewalt. Wie wichtig diese Differenzpunkte auch sind, sie sind nicht eo ipso kirchentrennend.

Mit den ersten 21 Artikeln geht allerdings die Unterscheidung von wahrer und falscher Kirche einher, was nichts geringeres heißt, als zwischen der Kirche Jesu Christi und der Gemeinschaft des Antichrist unterscheiden zu müssen.

 

III. Das materiale Erbe der Reformation für die bekenntnisökumenische Situation heute

Es war kein Theologe, sondern ein Religionsphilosoph, Norbert Bolz, der in drängender Weise das Votum ‚Zurück zu Luther!‘ formulierte.  Wie man sehen kann, ist dieses Votum zugleich ein ‚Zurück zum Magnus Consensus!‘ Was dies bedeutet, und worin die Aktualität der Reformation liegt, sei abschließend in einigen wenigen zentralen Thesen formuliert.

1. Das Ringen mit Gott.
Die Frage nach Heil und Verdammnis war und ist die Kernfrage der Reformation und der ihr folgenden Kirchen. Dies bedeutet auch, dass die irdischen und auch die ethischen (Kierkegaard) Folgen und Implikationen immer nur ein Vorletztes sind, das Letzte aber in Gericht und Gnade liegt. Luther hat in seinem Römerbrief-Kommentar deutlich gemacht, dass kein Heil durch gute Werke möglich ist; dass sie alle, Juden und Griechen, Menschen jedweder Herkunft, unter die Sünde getan und darin gleich sind.  Doch er hat das aus seinem Ringen um das Gesetz, um Orthodoxie und Orthopraxie gesagt. Aus der Mönchzelle im Erfurter Kloster. Wir benötigen wieder einen Glauben, der sich verpflichtet, der die Kraft der Rechtfertigung erfassen kann, weil er die Ethik und das von der Schrift umschlossene Gewissen in ihrer Bindekraft erkennt – auch für heute.
Ein allzu triumphalistisches, ein das Ringen nicht kennendes Bekennen, erst recht aber eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Bekenntnis, führen die Kirche in die Deformation, aber nicht in die erforderliche geistliche Erneuerung.
Luther und die anderen Reformatoren sind auch darin Meister des Glaubens, weil sie zeigen, dass dieses Ringen nie zu einem vollständigen Ende kommt. Gott kann dem Menschen auch zum Dämon werden, zum Deus absconditus; und von solchen Glaubenszweifeln und -krisen ist auch der gerechtfertigte Sünder nicht befreit. Solange das irdische Leben währt, solange diese Welt währt, im „schon“ und „noch nicht“ auf Christus bezogen, zeigt sich Gott auch immer wieder als abwesender Gott, drohend, ja schrecklich. Wer das verleugnen wollte, würde die existenzielle Dimension des Glaubens verleugnen.

2. Die Gerechtigkeit kommt nicht von uns und nicht aus uns. Sie kommt aus der Gnade Gottes. Sie strahlt bei allem menschlichen Stückwerk und Flickwerk mit ungeahnter Herrlichkeit auf. In einer aus menschlichem Vernünfteln schöpfenden Weise ist die Gerechtigkeit Gottes nicht zu fassen. Luther hat an dieser Gerechtigkeit gelitten, bis ins Innerste. Sie war ihm inkommensurabel. Den Sozialphilosophen Günter Rohrmoser habe ich vor diesem Hintergrund immer wieder sagen hören, die Gerechtigkeit gehöre nicht in die Sozialausschüsse, sondern in die Theologie. Und Luther hat überdeutlich gemacht, dass sie mit menschlichem Instrumentarium nicht zu erfassen sei: „Deshalb muss man zuerst die eigene, innere Gerechtigkeit herausreißen“.  
Vielleicht stilisiert, aber eben doch mit großer Authentizität hat Luther dieses Ringen verdeutlicht: „Ich konnte den gerechten, die Sünde strafenden Gott nicht lieben, im Gegenteil: Ich hasste ihn sogar. Wenn ich auch als Mönch untadelig lebte, fühlte ich mich vor Gott doch als Sünder“.

Und dann wird die Wendung, als ihm die Wahrheit aufgeht, so wie die Pforten des Paradieses, offensichtlich. „Mit so großem Hass, wie ich zuvor das Wort ‚Gerechtigkeit Gottes‘ gehasst hatte, mit so großer Liebe hielt ich jetzt dies Wort als das allerliebste hoch. So ist mir diese Stelle des Paulus in der Tat die Pforte des Paradieses geworden.“
Zentral ist dabei auch das Wissen, „simul iustus et peccator“ zu sein: „gerecht und Sünder zugleich“.

3. Die Mündigkeit des Christenmenschen durch das Wort Gottes
Luther war der große Sprachschöpfer der Deutschen. Durch seine Verdeutschung der Heiligen Schrift, aber auch durch die flankierenden wunderbaren Predigten und Kirchenlieder gab er dieser Sprache eine Kraft und Tiefe, ohne die deutsche Literatur und Kultur nicht denkbar wären. Hier ist das entscheidende: Durch das Wort Gottes und seinen Gebrauch wird die Gemeinde erst sprachmächtig und selbst mündig. In allen Belangen. Die christliche Schar, auch wenn sie verstreut und angefochten ist, kann so zu einer großen Kulturmacht werden. Es ging in der Reformation nicht nur um eine Medienrevolution, sondern um dieses zur Schrift- und darin zu Wort, und so: „Zur-Vernunft-Bringen“ des Glaubens.
Ein immer stärker die Überlieferung der Schrift in vermeintlich wissenschaftlich unumgänglicher Weise Zerbröseln und Erodieren bewirkt heute wieder eine Unmündigkeit der Christen. Denn was anderes als Unmündigkeit ist es, wenn man auf die wechselnden Zeitgeister starrt, nicht aber den Geist Gottes in den Blick nimmt. Die Tendenzen dieser Selbstsäkularisierung sind daher von Grund auf, auch im Sinn einer veränderten Pfarrer-Bildung rückgängig zu machen. Auch weil wir das Zeugnis unseres Glaubens und unserer Hoffnung der Welt schulden! Wahrhaft schulden - und nicht entlassen sind aus dieser Verantwortung! Wenn die Schrift Evangelium wird, dann wird sie lebendiges Wort Gottes: „Viva Vox Dei“, das Luther mit einem Platzregen über verdorrtem Land vergleicht.
Im Licht der Schrift ist zu betonen, dass Luther und die Reformation einen Kampf gegen zwei Extreme führen: Einerseits die versteinerte katholische Kirche der Zeit. Andrerseits aber die Schwärmer, die sich auf einen Geist berufen, der nicht mehr im Buchstaben, im Wort gegründet ist. In solche wenig komfortablen Positionen kann das Zeugnis des Glaubens führen. Man sollte sie nicht fürchten, weniger jedenfalls als die Ängstlichkeit, die die Geister der Zeit höher achtet als den Geist des Herrn selbst.

4. Von höchster Aktualität ist heute wie in der Reformationsepoche die Fähigkeit, sagen zu können, was den christlichen Glauben in seinem Kern ausmacht. Er ist Glaube an die Deszendenz Gottes, daran, dass Gott Mensch geworden und in Zeit und Geschichte eingetreten ist: Ephapax, Ein für alle Mal.  Deshalb verschwebt gerade der christliche Glaube nicht in einer vagen Transzendenz, nicht in einem Religionsesperanto, in dem alle Religionen irgendwie auf dieselbe Wahrheit hinauslaufen. Die klare Tarierung des Sola Scriptura/Solum verbum – sola gratia – Solus Christus – Sola fide ist auf eine klare Mitte bezogen, eine Mitte der Zeit, die uns Kraft und Orientierung gibt. Jochen Klepper hat dies in seinem Lied zum Jahreswechsel prägnant formuliert: „Nun von uns selbst in Jesus Christ/die Mitte festgewiesen ist, Gehen wir dem Ziel entgegen“.

5. Besonders hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang die Macht des Gebets. „Wenn du aber an den Sohn glaubst, so hast Du Gott in seiner Verheißung gefangen“.  Ja, unser Bitten bewirkt etwas, es hat Macht und Kraft, auch wenn es uns vielleicht dahin führt, wo wir gar nicht hin wollen. Hier haben die formulierten Gebete, in denen ja dieser große Konsensus auch in besonders schöner und tiefer Weise niedergelegt ist, ein besonderes Gewicht: „mit Ernst des Herzens den Worten in gründlicher Andacht, mit Begierde und Glauben Folge tun“.  Ob in der Gemeinschaft oder in der Stille, das Gebet ist wirksam, auch wenn seine Erfüllung in Dimensionen führen mag, an die wir nicht gedacht haben.

6. Luthers Lehre von der Sünde ist die notwendige Kehrseite seiner Lehre von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade. Luther wusste um die Macht der Sünde, auch um das anbrandende Böse. Er ist insofern viel weiser und realistischer als die Abspaltungskonzepte der Moderne: Christen sind auch schuldig, so wie die, die nicht glauben. Allerdings mit dem großen Unterschied, dass sie es wissen und Buße tun können und sollen. Auch und gerade auf dem Weg zur Heiligung gilt, dass das Leben eine fortgesetzte Buße sein soll. Dies führt auf den Kern der Predigt Jesu zurück: „Metanoeite!“ – „Kehrt um!“. „Tut Buße!“ (Mk 1,15). Diesen Einblick, der nicht einfach ist, der den Menschen aber auch gerade nicht erniedrigt, sondern ihm zeigt, wie sehr Gott an ihm gelegen ist, diesen Einblick hat Norbert Bolz mit dem Ausgang aus Platons Höhle verglichen. Auch jene Metanoia geschah ja bekanntlich „ex anankes“, mit Gewalt.  „Gott ist den Sündern nicht feind, sondern allein den Ungläubigen, das ist denen, die ihre Sünden nicht erkennen, klagen, noch Hilfe dagegen bei Gott suchen, sondern sich durch ihre eigene Vermessenheit selbst zuvor reinigen, seiner Gnade nicht bedürfen und ihn nicht einen Gott sein lassen wollen, der jedermann gibt und nichts dafür nimmt“.  Deshalb die viel zitierten und ebenso oft missverstandenen Worte im Brief an Melanchthon, wie an uns alle, am 1. August 1521: „Also sei Sünder und sündige unerschrocken!“. Gewiss auf dem Weg zur Heiligung, aber im Wissen, dass sie immer nur anzustreben ist.

Zum Ende 

Es ist eine Tragödie des Protestantismus, die Luther wahrhaftig nicht anzulasten ist, dass auf dem Weg einer halben Aufklärung dieses aus Christus und der Schrift-Leben verfehlt wurde. Säkularität und Säkularismus, zugleich das missionarische Andrängen anderer, heißer Religionen; dem wird nur die ganze Christenheit auf Erden gewachsen sein.

Natürlich trennt uns, menschlich gesprochen, von der Reformation der „Zeitenabstand“ (Gadamer). Hinsichtlich der Brüche und Gefährdungen aber ist uns Luthers Zeit auch wieder nicht so fremd, wie man vielleicht meinen mag, weshalb es darauf ankommt, den geistigen und geistlichen Kern der Aufklärung gegen ihren Missbrauch, das Absägen des Astes, auf dem wir sitzen, stark zu machen.

Der bedeutende katholische Philosoph Dietrich von Hildebrand, der 1933 emigrieren musste, legte im Jahr 1968 sein bis heute denkwürdiges Buch ‚Die trojanischen Pferde in der Stadt Gottes‘ vor. Er warnt darin vor einer Selbstsäkularisierung der Kirche, die aufhöre, Kirche Gottes zu sein.

Ich schließe mit den Worten dieses aufrichtigen und aufrechten, klugen und weisen Philosophen von Hildebrand: „ Hüten wir uns vor falschen Propheten! [...] Doch wie schon zu Anfang dieses Buches gesagt: Obwohl mein Herz blutet angesichts der Verwüstungen im Weingarten des Herrn, der Besudelung des Heiligtums der Kirche, bin ich voller Hoffnung, denn der Herr hat gesagt: ‚Und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“.


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