Auszug Artikel 3

Die Zukunft Europas angesichts der Kultur des Todes

von Prof. Dr. Manfred Spieker

„Der erfreulich großen Sensibilität des heutigen Menschen für die ihn umgebende außermenschliche Schöpfung steht eine erschreckende Blindheit für den zerstörerischen Umgang des Menschen mit sich selbst und der ihm eigenen Geschöpflichkeit gegenüber“, so die Salzburger Erklärung, die beim VI. Ökumenischen Bekenntnis-Kongress der IKBG 2015 verabschiedet wurde (Z.2). Schon vier Jahre zuvor hatte Papst Benedikt XVI. in seiner Rede im Deutschen Bundestag ebenfalls die Sensibilität der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik gelobt, aber zugleich ihre Blindheit gegenüber der Ökologie des Menschen getadelt. Anlass für diesen Tadel war die Genderideologie, die die Heterosexualität für eine Konstruktion der Gesellschaft und der Kultur hält und die geschlechtliche Identität der freien Selbstbestimmung des Menschen unterwirft, die also dem biblischen Verständnis von Geschöpflichkeit und Liebe widerspricht und letztlich auf eine leibfeindliche Gnosis hinausläuft. Die Genderideologie ist ein Aspekt der Kultur des Todes. Sie unterwirft nicht nur Ehe und Familie sondern das Leben selbst dem Willen des Menschen. Pro Choice ist ihr Standpunkt, nicht Pro Life.

In den vier Jahren seit dem VI. Kongress ist die Lage weder in Deutschland noch in Europa besser geworden. Im Gegenteil, die Genderideologie und die Kultur des Todes haben zentrale Bereiche der Rechtsordnung, der Gesellschaft und selbst der Kirchen verändert. Am 30. Juni 2017 hat sich der Bundestag vom Verständnis der Ehe als einem auf Dauer und die Geburt von Kindern angelegten Bund von Mann und Frau verabschiedet und die Ehe für alle legalisiert. In den Kirchen, selbst in der katholischen, wird über die Segnung homosexueller Partnerschaften diskutiert und in manchen evangelischen Landeskirchen wird sie auch schon praktiziert. Rund die Hälfte der Länder der EU hat die Ehe für alle ebenfalls legalisiert und die Länder, die sich dagegen wappnen wollen, indem sie in ihren Verfassungen die Ehe als Bund von Mann und Frau und die Familie als Gemeinschaft verschiedenen Geschlechter und Generationen definieren, sehen sich der Kritik von Brüssel ausgesetzt. Die Suizidassistenz wurde zwar für Vereine, die sie geschäftsmäßig betreiben, verboten, aber für Angehörige des Suizidenten und ihm nahestehende Personen, einschließlich der Ärzte, ausdrücklich erlaubt. Die auf der Genderideologie beruhende Sexualpädagogik der Vielfalt hat die Curricula zahlreicher Bundesländer erobert, darunter auch solcher, die von Christdemokraten regiert werden. Das Embryonenschutzgesetz von 1990, das dem Schutz des Embryos in der assistierten Reproduktion und nicht der Reproduktionsfreiheit Erwachsener dient, ist zahlreichen Attacken von Reproduktionsmedizinern und verschiedenen Parteien ausgesetzt, die es durch ein Reproduktionsmedizingesetz ersetzen wollen, um nach der Ehe für alle auch Kinder für alle zu ermöglichen. In Frankreich diskutiert die Nationalversammlung gerade ein Gesetz zur assistierten Reproduktion (PMA=Procréation medicalement assistée sans père), durch das nicht nur die künstliche Befruchtung für alle, sondern auch Eizellspende, Leihmutterschaft, die Herstellung von Chimären und die Forschung an Embryonen bis zum 14. Tag legalisiert werden sollen. In anderen Ländern der EU wie Spanien, Tschechien, Dänemark, Belgien und Großbritannien sind Eizellspenden bereits erlaubt. Dies sind nur wenige Hinweise auf Entwicklungen seit 2015. Sie machen es nicht leicht, über die Zukunft Europas zu reden, zumal Professoren keine Propheten sind. Sie verstehen sich in der Regel eher auf Analysen als auf Prophetien. Was ist die Kultur des Todes, wie soll Europa ihr entgehen? Unter welchen Bedingungen lässt sich der Kultur des Todes eine Kultur des Lebens gegenüberstellen und festigen? …


[I. Die Kultur des Todes: Der Vortrag beschreibt ausführlich die in Deutschland herrschende Kultur des Todes.]


II. Die Zukunft Europas

Wie soll Europa der Kultur des Todes entgehen? Unter welchen Bedingungen lässt sich der Kultur des Todes eine Kultur des Lebens gegenüberstellen? Was kennzeichnet eine Kultur des Lebens? Einen Hinweis gab bereits die Salzburger Erklärung. Sie lenkte den Blick auf die Ökologie des Menschen und unterstrich: „Zur Ökologie des Menschen gehört … eine neue Wertschätzung von Vaterschaft und Mutterschaft und ihrer Bedeutung für die Gesellschaft“ (Z.26). Zur Ökologie des Menschen gehört eine neue Wertschätzung der Familie als einer auf Dauer angelegten Gemeinschaft verschiedener Geschlechter und Generationen.


1. Die Bedeutung der Familie

Jedes Land hat ein vitales Interesse, so der 5. Familienbericht der Bundesregierung (1994),  „diejenigen privaten Lebensformen besonders auszuzeichnen, zu schützen und zu fördern, welche Leistungen erbringen, die nicht nur für die Beteiligten, sondern auch für die übrigen Gesellschaftsbereiche notwendig sind.“ Die Lebensform, von der hier die Rede ist, ist die Ehe und die aus ihr hervorgehende Familie. Seit Jahrhunderten werden Ehe und Familie in sehr verschiedenen politischen Systemen, in verschiedenen Kulturen und Religionen moralisch wie rechtlich geschützt, gefördert und privilegiert, weil sie nicht nur den Wünschen der beteiligten Personen entsprechen, sondern der ganzen Gesellschaft Vorteile bringen.  Ehe und Familie sorgen zum einen für die physische Regeneration der Gesellschaft, mithin für ihre Zukunft, und zum anderen für die Bildung des Humanvermögens der nächsten Generation. Ehe und Familie sorgen in der Regel für die Geburt von Kindern, nicht weil die Eltern an die Zukunft der Gesellschaft denken, sondern weil sie sich lieben. Die Zeugung eines Kindes ist die Inkarnation ihrer Liebe. Homosexualität ist demgegenüber „eine zur Fortpflanzung und Eröffnung einer Zukunft des Menschen grundsätzlich unfähige Gestalt von Sexualität“, so die Salzburger Erklärung (Z. 28). Homosexuelle Partnerschaften können deshalb nicht mit der Ehe gleichgestellt werden. Sie sind generationenblind und lebensfeindlich. Wer die „Ehe für alle“ ablehnt, macht sich deshalb weder der Homophobie noch der Diskriminierung schuldig.

Das Humanvermögen, das primär in der Familie erworben wird, ist die Gesamtheit der Daseins- und Sozialkompetenzen des Menschen, die dem Erwerb von beruflichen Fachkompetenzen vorausliegen. Diese Daseins- und Sozialkompetenzen sind für die Entwicklung der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Kultur von kaum zu überschätzender Bedeutung. In der Familie werden die Weichen gestellt für die moralischen und emotionalen Orientierungen des Heranwachsenden, für seine Lern- und Leistungsbereitschaft, für seine Kommunikations- und Bindungsfähigkeit, seine Zuverlässigkeit und Arbeitsmotivation, seine Konflikt- und Kompromissfähigkeit und seine Bereitschaft zur Gründung einer eigenen Familie, zur Weitergabe des Lebens und zur Übernahme von Verantwortung für andere. In der Familie wird über den Erfolg im schulischen und beruflichen Erziehungs- und Ausbildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt und in der Bewältigung des Lebens vorentschieden. In der Familie lernt das Kind, was lieben und geliebt werden heißt, was es konkret besagt, Person zu sein.

Die Bedeutung der Familie als Ressource für das Gemeinwohl wird noch einmal deutlich, wenn die Folgen untersucht werden, die das Zerbrechen von Familien und die Relativierung der Ehe verursachen. Diese Folgen betreffen zunächst die Eheleute selbst, dann die Kinder, schließlich die Gesellschaft und den Staat und nicht zuletzt generationenübergreifend die demographische Entwicklung. Sie gleichen einer pathologischen Spirale. Das Scheitern einer Familie vermindert Gesundheit, Wohlstand und Wohlbefinden – die drei Dinge, an denen die Menschen in der Regel am meisten interessiert sind. Verminderte Gesundheit, verminderter Wohlstand und vermindertes Wohlbefinden belasten die Beziehungen und verstärken und perpetuieren so den Teufelskreis des Scheiterns.


2. Die Bedeutung kultureller und institutioneller Rahmenbedingungen

Zu einer Kultur des Lebens gehören aber neben der neuen Wertschätzung der Familie weitere kulturelle und institutionelle Rahmenbedingungen, die die Identität Europas geprägt haben. „Die europäische Identität ist keine leicht erfassbare Wirklichkeit", sagte Papst Johannes Paul II. in einer Ansprache im Europarat 1988 in Straßburg. "Die weit zurückliegenden Quellgründe dieser Zivilisation sind vielfältig .. In fast zwanzig Jahrhunderten hat das Christentum dazu beigetragen, eine Sicht der Welt und des Menschen zu entwickeln, die heute ein grundlegender Beitrag bleibt - jenseits der Zerrissenheit, der Schwächen, ja sogar der Versäumnisse der Christen selbst." In dieser Sicht der Welt, des Menschen und der Gesellschaft will ich einige Dimensionen unterstreichen, die Europas spezifische Identität ausmachen.

a) Die Unterscheidung zwischen geistlichen Angelegenheiten und weltlichen Dingen oder zwischen Religion und Politik steht am Anfang der modernen europäischen Identität. Im antiken Griechenland und im Imperium Romanum waren Religion und Politik noch eine Einheit. Diese Einheit führte viele der ersten Christen ins Martyrium, weil sie sich weigerten, den römischen Kaiser als einen Gott zu verehren. Aus den Konflikten der ersten Christen mit den politisch-religiösen Autoritäten entwickelte sich die bis heute gültige und den freiheitlichen Verfassungsstaat tragende Unterscheidung zwischen Spiritualia und Temporalia, zwischen Religion und Politik. Nicht nur die res publica, die Welt schlechthin wird entgöttlicht. Die Politik wird relativiert, die Herrschaftsgewalt des Königs beschränkt.

b) Der christliche Glaube schärft den Blick für den Wert des einzelnen Menschen, um dessentwillen Christus selbst Menschennatur angenommen hat. Der Mensch ist Person. Er hat eine unantastbare und unveräußerliche Würde, die - so auch das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zum Abtreibungsstrafrecht 1993, "schon dem ungeborenen menschlichen Leben zukommt". Der Mensch ist Gottes Ebenbild, d.h. nicht nur von Gott geschaffen, sondern sich nach ihm sehnend, auf ihn hin lebend und in ihm seine Vollendung findend. "Das biblische Menschenbild hat es" – so Johannes Paul II. vor dem Europarat 1988 – "den Europäern gestattet, eine große Vorstellung von der Würde des Menschen als Person zu entwickeln, die einen wesentlichen Wert auch für diejenigen bedeutet, die keinen religiösen Glauben haben".

c) Ein wichtiges Merkmal europäischer Identität ist die positive Einstellung zur Welt. Sie ist die Grundlage der Erforschung der Natur in der Wissenschaft, die Grundlage auch der Technik und der Industrie, des Handels und einer globalen Politik. Diese neugierige Hinwendung zur Welt begann gewiß schon in der griechischen Antike. Aristoteles ist ebenso ihr Repräsentant wie Alexander der Große. Aber sie erhielt mit dem Christentum eine neue Qualität. Nicht nur der Auftrag des Buches Genesis an den Menschen, sich die Welt, die Gott geschaffen und als gut bezeichnet hatte, untertan zu machen, verpflichtete ihn auf diese Welt, sondern viel mehr noch die Inkarnation selbst. Wenn Gott sich nicht zu schade war, selbst Mensch zu werden und in diese Welt zu kommen, dann kann auch der Christ kein Feld seines alltäglichen Lebens von seiner Verpflichtung zur Nachfolge Christi, seinem Auftrag, sich selbst und die Welt zu heiligen, aussparen. Der Christ lebt seinen Glauben nicht nur im Tempel, im Gottesdienst oder beim Opfer, sondern im alltäglichen Leben in Familie und Beruf. Er hat seine tägliche Arbeit in Gebet zu verwandeln und die Welt zu lieben – nicht jene Welt der Hoffart, des Stolzes, der Begierde und der Prahlerei, vor der Johannes warnt (1 Joh 2,15), sondern die Welt, die zu retten Jesus Mensch wurde und aus der seine Jünger nicht herauszunehmen er seinen Vater bittet (Joh 17,15). Jesu Menschwerdung in Betlehem impliziert den Weltauftrag für jeden Christen. Nicht die Verachtung der Welt, sondern die Heiligung der Welt ist der Auftrag der Christen. Die Flucht aus dem Alltag, der Rückzug in fromme oder bequeme Nischen ist ihm verwehrt.

d) Die Menschenrechte sind gewiss eine späte Entwicklung in der europäischen Kultur. Erst am Ende des 18. Jahrhunderts werden sie erstmals formuliert. Da sie während der Französischen Revolution und in den laizistischen Traditionen des 19. Jahrhunderts in Europa oft als Waffe gegen die Kirche benutzt wurden, gestaltete sich das Verhältnis der Kirche zu den Menschenrechten über eineinhalb Jahrhunderte hinweg als schwierig und konfliktreich. Die menschliche Freiheit wurde als Befreiung von Gott missverstanden. Diese Spannung löste sich erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Dennoch wage ich mit Josef Isensee zu sagen: Das Christentum hat den Menschenrechten den Boden bereitet. "Christliches Erbe in den Menschenrechten sind die Leitgedanken von der Einheit des Menschengeschlechtes und von der Gleichheit seiner Glieder, von der Einmaligkeit und Würde eines jeden Menschen als Person, unverfügbar den anderen und sich selbst, berufen zu Eigenverantwortung, zu Nächstenliebe und zur Bewährung in dieser Welt. Nur im christlichen Kulturkreis ... konnten die Menschenrechte sich entwickeln". Der Mensch hat diese Rechte, weil er Mensch ist, also von Natur aus. Der Staat ist zwar für ihre Durchsetzung von Bedeutung, aber er schafft sie nicht. Sie haben eine naturrechtliche Wurzel. In geradezu klassischer Weise bringt dies das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Artikel 1 zum Ausdruck: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht".

e) Zur Identität Europas gehört der freiheitliche Verfassungsstaat, dessen Zweck die Herrschaft des Rechts, die Gewährleistung der Menschenrechte und damit die Sicherung der Freiheit der Bürger ist. Der freiheitliche Verfassungsstaat ermöglicht die Beteiligung der Bürger an der politischen Willensbildung. Er ist das Fundament der Demokratie. Er verlangt die Teilung der politischen Gewalten. Er hat seine Wurzeln in der athenischen Polis, in den Nomoi Platons und der „Politik“ sowie der „Nikomachischen Ethik“ des Aristoteles, aber auch in der römischen Res publica und in Ciceros „De officiis“. Im freiheitlichen Verfassungsstaat zeigt sich aber auch das Erbe des Christentums. Die gleichberechtigte Teilnahme aller Bürger am politischen Willensbildungsprozess, die die athenische Polis und die römische Res publica nicht kannten, ist eine logische Konsequenz des christlichen Menschenbildes. Es betonte die Gleichheit der Würde aller Menschen und führte, wenn auch nach langen Kämpfen, zur Abschaffung der Sklaverei. Zu diesem Menschenbild gehört auch die Ambivalenz der menschlichen Natur. Der Mensch kann gut oder böse, konstruktiv oder destruktiv handeln. Er kann die politische Macht zur Förderung des Gemeinwohls, aber auch zu seiner Zerstörung gebrauchen. Daraus zieht der freiheitliche Verfassungsstaat die Konsequenz, die politische Macht auf die Legislative, die Exekutive und die Judikative zu verteilen, um so eine Balance und eine gegenseitige Kontrolle zu erreichen. Gewaltenteilung heißt Machtbegrenzung. Ein erster Schritt zur Machtbegrenzung war bereits die Unterscheidung zwischen Spiritualia und Temporalia. Aber die Gewaltenteilung geht darüber hinaus. Sie bändigt mit der Trennung und gegenseitigen Kontrolle legislativer, exekutiver und judikativer Macht die Temporalia selbst. Sie will die Versuchung zum Machtmissbrauch minimieren und da, wo Macht dennoch missbraucht wird, die schädlichen Folgen begrenzen.

f) Dass der Staat nicht nur Rechtsstaat, sondern auch Sozialstaat sein muss, auch das gehört zu dem, was Europas Identität ausmacht. Der soziale Rechtsstaat sorgt nicht nur für Recht und Sicherheit, sondern auch für menschenwürdige Lebens- und Arbeitsbedingungen. Er schützt die Bürger gegen Einkommensrisiken, die aus Krankheit, Invalidität, Alter und Arbeitslosigkeit erwachsen. Er gewährleistet mit der sozialen Sicherheit soziale Gerechtigkeit, gesellschaftliche Integration und individuelle Freiheit. Diese Aufgabe des Gemeinwesens ist ein christliches Erbe. Schon im Mittelalter galt die Sorge für die Armen, die Witwen und die Waisen als Aufgabe des christlichen Gemeinwesens, derer sich die Klöster, die Orden, die Spitäler und Hospize annahmen. Sie setzt die Fähigkeit zum Mitleiden mit dem in Not geratenen Mitmenschen voraus. Dazu gehört auch das Asylrecht. Wer auf Grund seiner Volks- oder Stammeszugehörigkeit, seiner Rasse, seines Geschlechts oder seiner Religion verfolgt wird, hat das Recht auf Asyl, solange die Verfolgung anhält. Wer vor einem Krieg flieht, hat das Recht auf Schutz, solange der Krieg dauert, und die Pflicht zur Rückkehr, wenn der Krieg beendet ist. Diese Pflicht ist nicht abhängig vom Grad der Zerstörung bzw. des Wiederaufbaus des Herkunftslandes oder vom Grad der Integration in das Fluchtland. Armut, wirtschaftliche Not oder die Auswirkungen von Krisen und Kriegen reichen ebenso wenig für die erfolgreiche Berufung auf das Asylrecht aus wie die Flucht vor politischer Instabilität. Ein sozialer Rechtsstaat hat die Pflicht, zwischen Verfolgten, Kriegsflüchtlingen und Migranten zu differenzieren. Diese Differenzierung ist die Voraussetzung, um bei der Bewältigung der Flucht von mehreren Millionen Menschen aus den Kriegsgebieten des Nahen und Fernen Ostens und aus Afrika sowohl der Not der Flüchtlinge als auch dem Recht und der Pflicht jedes Staates auf Kontrolle seiner Grenzen, mithin dem Gemeinwohl des Einwanderungslandes gerecht zu werden. Zu dieser Pflicht gehört auch die Prüfung der Bereitschaft und der Fähigkeit der Migranten zur Integration.

g) Eine letzte Dimension europäischer Identität ist die internationale Kooperation. Wie kein anderer Kontinent hat Europa im 20. Jahrhundert internationale Kooperations- und Integrationsstrukturen entwickelt. Skeptiker mögen dem entgegenhalten, dass auch von keinem anderen Kontinent derartige nationalistische Abgrenzungen und Kriege ausgingen wie von Europa. Dies gehört in der Tat zu den Schattenseiten dessen, was Europa ausmacht. Aber zu dem, was Europa ausmacht, gehört auch das kontinuierliche und erfolgreiche Bemühen um Versöhnung, um Kooperation, um völkerrechtliche Strukturen und um Integration. „Wenn man ‚Europa‘ sagt, soll das ‚Öffnung‘ heißen“, schrieb Johannes Paul II. in Ecclesia in Europa (2003) Europa habe sich dadurch aufgebaut, dass es über die Meere hinweg auf andere Völker, andere Kulturen, andere Zivilisationen zugegangen ist.

Dieses Europa zu erhalten ist eine Herausforderung für die Christen, auch wenn ihr Glaube vielerorts schwach geworden ist. Es ist ihre Aufgabe, die eigenen Wurzeln neu zu entdecken und eine Zivilisation zu entwickeln, die zugleich christlicher und menschlich reicher ist. Das Kreuz ist das Logo dieser Zivilisation. "Die Erneuerung Europas muss ihren Ausgangspunkt nehmen vom Dialog mit dem Evangelium", erklärte die Sonder-Synode der Bischöfe für Europa 1991 nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs.  Für die Neuevangelisierung Europas "genügt es deshalb nicht, sich um die Verbreitung der 'Werte des Evangeliums' wie Gerechtigkeit und Frieden zu bemühen. Wir kommen nur dann zu einer wirklich christlichen Evangelisierung, wenn die Person Jesu Christi verkündet wird." …  Wo Jesus in die Nähe kommt, schreibt Josef Ratzinger, „da entsteht Freude .. wer den Gekreuzigten angenommen hat und, eben weil er den Gekreuzigten angenommen hat, die Gnade der Auferstehung kennt, der muss voller Freude sein“ (Diener eurer Freude, 1988, S.48f.). „Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke“ (Buch Nehemia 8, 10).


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